Musik und Melancholie aus Portugal

Saudade und Fado für Neulinge

06.01.2010 Dominik Krug

Portugals ungekröntes Lieblingswort offenbart seine Facetten in einem hintergründigen Erfahrungsbericht über Geschichte und Seele eines unübersetzbaren Gefühls.

Obwohl es seit wenigen Jahren zu den schönsten Wörtern der Welt gehört, fristet saudade in unseren Gefilden ein Schattendasein. Das mag damit zusammenhängen, dass sich keine eindeutige Übersetzung aus dem Portugiesischen finden lässt. Die einen sprechen von Sehnsucht, Weltschmerz, die anderen beziehen sich auf Einsamkeit und Nostalgie. Aber braucht ein solch melodisches, gefühlsbetontes Wort überhaupt eine Übersetzung?

Geburt der saudade

Sprechen wir von Weltschmerz, kann der Deutsche in erster Linie auf die neue Empfindsamkeit und Werthers Original (der Roman, nicht die Bonbons) zurückgreifen.

Die Geschichte der saudade geht hingegen zurück bis ins 13. Jahrhundert, Portugals goldenes Zeitalter und die Epoche der spanischen reconquista, also der Befreiung der iberischen Halbinsel aus der Hand der Araber. Gleichzeitig war es eine Zeit des Aufbruchs, denn die Portugiesen, seit je her ein Volk stolzer Seefahrer, stießen auf neue Horizonte.

Die räumliche, schmerzvolle Trennung vieler Matrosen von ihren Familien zu Hause in Portugal jedoch inspirierte damalige Poeten, Dichter und Künstler das Wort saudade, angelehnt an solitudo = Einsamkeit, zu kreieren – als hätten sie bereits vorher geahnt, dass Portugal, nach seinem steilen Aufstieg, bald der Zerrissenheit und dem Verfall anheim fallen würde (noch heute bedeutet „tenho saudades tuas“ soviel wie „Ich vermisse dich“, wortwörtlich übersetzt jedoch „Ich habe saudades“).

Portugals Nationalhymne, in Retrospektive, drückt also nicht nur die Sehnsucht nach altem Glanz und Ruhm aus („Lasst uns Portugal zu neuer Herrlichkeit führen“), sondern bezieht sich auch auf die Grundsteinlegung desjenigen Nationalgefühls, von dem hier die Rede ist.

Seele der Musik

Fragt man heute einen alten Fischer an den Stränden von Nazaréoder Portimão, was er unter saudade versteht, wird sein Blick glasig, driftet ab ins Leere. Wenn man Glück hat, deutet er noch auf eine nahe gelegene Kneipe oder Bar. Sackgasse. Oder doch nicht?

Denn: Als Ansatzpunkt kann offenbar nur eine völlig andere Sprache helfen, eine universelle, die in allen Herren Länder gesprochen wird: Die Sprache der Musik.

Betritt man die ausgewiesene Bar, ist es, als betrete man eine andere Welt. Eine zerbrechliche Stimme, nur begleitet von einer ebenso fragilen Gitarre erfüllen die Luft. Fado. Die Seele der saudade, wie man sagt. Obwohl Chris Rea, Farin Urlaub und Julio Eglesiasalle davon gesungen haben, wusste offenbar keiner, wovon er da redet respektive singt. Hier weiß man es.

Von Fado bis Nelly Furtado

Die portugiesische, arabisch gefärbte Musikrichtung Fado (von fatum = Schicksal) stammt ursprünglich aus den Armenvierteln der Hauptstadt Lissabon und verbindet seine Zuhörer in einer Art genüsslichen Schmerzes, d.h. einer Art Qual, die man um ihrer selbst Willen erträgt.

Obwohl in alter Tradition stehend, ebenso wie die saudade selber, fanden jüngst auch heutige Generationen ihren Zugang zum portugiesischen Weltschmerz. Besonders bemerkenswert: Die portugiesisch-stämmige Sängerin Nelly Furtado öffnete mit ihrem EM-Song Força dem Musikstil des Fado europaweit Tür und Tor, da er viele Elemente dieser Gattung enthielt, obwohl sich dessen kaum jemand bewusst war.

Was saudade nun bedeuten mag

Zurück in der Bar stimmen plötzlich knapp ein Duzend Anwesender spontan ein in den Gesang, Tränen fließen und tosender Applaus begleiten in einem bewegenden Crescendo das Finale des Fado.

Nach einer solchen Erfahrung steht fest: Saudade, das ist ein Gefühl, welches sich nicht mit Worten übersetzen lässt, etwas, dass man am eigenen Körper gespürt haben muss. Ein Sammelsurium der Erinnerungen, Gerüche, Geschmäcker, Töne, Orte und Ereignisse.

Um es zu vollends zu begreifen, muss man wohl in der Tat Portugiese sein, und der wird sein Geheimnis, seinen Weltschmerz und sein stolzes Wort wie einen Goldschatz hüten.

Begnügt man sich hingegen mit der Feststellung, dass saudade ein wages, aber konstantes Verlangen nach etwas darstellt, dass nicht greifbar ist und vermutlich auch nicht sein kann, hat man zumindest eine Vorstellung vom portugiesischen way of life und stellt fest, dass ein solch vortrefflicher Begriff tatsächlich keiner Übersetzung bedarf.

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Fado, Wikimedia Commons Fado
   
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